Gekonnt streiten EURO-Wirtschaftsmagazin September 1999 Autor Michael Stein
Michael Stein, Fachanwalt für Arbeitsrecht und Wirtschaftsmediator in Lehrte/Hannover, rät Führungskräften, das Wertschöpfungspotential von Konflikten offensiv zu nutzen
Der Ort: ein Unternehmen der IT-Branche. Die Handelnden: Andreas K., ein 30jähriger Diplominformatiker und sein Projektteam. Die Situation: Andreas K. hat nach Traineeprogramm und einjähriger Tätigkeit zum ersten Mal eine Projektleitung übernommen. Das Projekt droht jedoch nach kurzer Zeit angesichts eines massiven “Autoritätskonflikts” zu scheitern. Ein mögliches - wahrscheinliches? - Ende einer derartigen Situation könnte sein, daß Andreas K. erst seine Projektleitung und schließlich seine Stelle verliert. “Gewinnt” er die Auseinandersetzung, werden wahrscheinlich einige Teammitglieder innerlich kündigen, “Dienst nach Vorschrift” machen und letztlich ausscheiden. Selbst wenn sich das Team arrangiert, wird der Ärger auf den “Seelenkonten” verbucht. Der Konflikt hat das Team beschädigt und keinen Vorteil erbracht.
Wie könnte Andreas K. Nutzen aus dem Konflikt für sich und sein Team ziehen? Das Dilemma von Meinungsverschiedenheiten ist, daß Positionen aufgebaut, begründet, widerlegt werden. Man weiß zwar, was man selbst möchte. Denkt aber oft nicht darüber nach, warum. Man hört der Gegenseite zu, aber was sie eigentlich will, erschließt sich einem nicht.
Bei diesem Dilemma greift ein Verfahren, das in den USA seit den siebziger Jahren praktiziert wird und das langsam auch in Deutschland Fuß faßt: Wirtschaftsmediation. Was empfinden Teilnehmer als Vorteile des Verfahrens? Nun, es wird schnell und kostengünstig gearbeitet. Es wird über Lösungen gesprochen. Der Blick ist in die Zukunft gerichtet. und die Streitenden behalten das Geschehen in der Hand. Beziehungen werden geklärt und dadurch gesichert, Synergien entdeckt und nutzbar gemacht. Die Wirtschaftsmediation arbeitet mit einigen Grundsätzen des “Harvard-Konzepts”, das in zahlreichen politischen Verhandlungen (etwa Camp-David-Abkommen) vielfach erprobt wurde:
1. Menschen und Sachprobleme getrennt behandeln. 2. Auf Interessen konzentrieren, nicht auf Positionen 3. Gemeinsame Optionen zum Erreichen der beiderseitigen Interessen entwickeln.
Wesentliches Merkmal der Mediation ist die Anwesenheit eines besonders ausgebildeten Vermittlers, des Wirtschaftsmediators. Er unterstützt die Konfliktparteien bei der Erarbeitung der Interessen und kreativen Suche nach Lösungen. Seine Kunst liegt darin, durch Einsatz seines Know-hows Offenheit, Vertrauen und Toleranz zu fördern und so eine erfolgsorientierte Kommunikation zwischen den Beteiligten in Gang zu setzen. Der Mediator ist weder Richter nocht Schiedsrichter: Er ergreift Partei für beide Seiten.
Die Wirtschaftsmediation mit dem Team von Andreas K. könnte folgendermaßen verlaufen sein: Mit beiden Seiten hat der Mediator jeweils ausführliche Positionen geklärt. Andreas K. beruft sich auf seinen Vorgesetztenstatus, seine Opponenten weisen auf ihr Alter und ihre Berufserfahrung hin und lehnen seine Anweisungen ab. Im nächsten Schritt klärt der Mediator die Hintergründe. Worum geht es wirklich? Er arbeitet mit jeder Seite ihre Interessen heraus: Andreas K. geht es darum, mit seinen Anweisungen dafür zu sorgen, daß sein Team effizient und schnell arbeitet. Ihn macht die ungewohnte Verantwortung für die Einhaltung des Zeitrahmens Angst. Einige Teammitglieder fühlen sich durch sein “schneidiges Auftreten” verletzt. Sie fürchten, daß bei Andreas K. Effizienz ihre Beiträge und letztlich sie selbst nicht genügend berücksichtigt werden. Beide Seiten entdecken bei sich zunehmend Offenheit und Verständnis für die Interessen der anderen Seite. Das Verfahren, in dem sie unbeeinflußt zuerst ihre Position klarlegen um danach ihre Gründe hierfür erforschen konnten, hat ihnen gut getan. Im nächsten Schritt werden beide Seiten im Brainstorming Ideen entwickeln, wie die unterschiedlichen Interessen verbunden werden können. Die Aufgaben werden entsprechend den Wünschen der einzelnen Teammitglieder neu verteilt, der Zeitplan wird geändert. Auf dem Flipchart stehen auch Vorschläge wie Samstagsarbeit im Notfall und “Sprechstunden” bei Andreas K. Das Team hat die Führung der Projektgruppe übernommen. Die Erreichung des Projektziels wird für viele zur “Herzenssache”. Die Projektgruppe hat die Kontroverse nicht ignoriert oder mit “Gewalt” gelöst, sondern das Team ist mit dem Wirtschaftsmediator durch den Konflikt hindurchgegangen. Der Nutzen, die Wertschöpfung ist offensichtlich.
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